Skip to main content
Resources
Patterno Market Intelligence

As of: March 2026

The German Procurement Market 2026

Data, Trends & AI Transformation

Der öffentliche Beschaffungsmarkt in Deutschland ist einer der größten in Europa — und gleichzeitig einer der intransparentesten. In diesem Report analysieren wir die aktuellsten verfügbaren Daten, zeigen wo der Markt steht, warum Unternehmen systematisch Aufträge verpassen und wie KI-gestützte Tools den Markt 2026 verändern.

Methodik: Alle Zahlen stammen aus öffentlichen Primärquellen — Destatis Vergabestatistik, EU Single Market Scoreboard, KOINNO-Reports, TED-Statistikdateien. Wo wir eigene Berechnungen oder Patterno-Daten verwenden, ist das explizit gekennzeichnet. Herausgeber: Patterno (patterno.de).

Hinweis zur Datenaktualität: Die detaillierteste öffentliche Aufschlüsselung des deutschen Vergabemarkts (nach CPV-Codes, Bundesländern und Schwellenwerten) stammt aus der Vergabestatistik 2022 — dem letzten vollständigen BMWK-Bericht. Für 2023 und 2024 liegen nur Headline-Zahlen vor (Destatis/Rehm-Verlag). Die EU-Vergleichsdaten (Single Market Scoreboard) sind Stand 2024, die KOINNO-Unternehmensbefragung Stand 2025, die TED-Auswertungen bis einschließlich 2024. Wir aktualisieren diesen Report, sobald neue Detaildaten veröffentlicht werden.

Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick

  • €500 Mrd. — Öffentliche Beschaffung in Deutschland liegt laut OECD bei rund 15% des BIP (Quelle: OECD Public Procurement)
  • €135,2 Mrd. bei 199.334 Vergaben (2024) — So viel wurde in der offiziellen Vergabestatistik an vergebenen Aufträgen gemeldet (Quelle: Destatis Vergabestatistik 2024)
  • 88% unter der EU-Schwelle — Die große Mehrheit aller Vergaben ist national oder regional sichtbar, nicht auf TED (Quelle: Vergabestatistik 2022)
  • 1,8% vs. 5,8% — Deutschlands Publication Rate auf TED liegt bei 1,8% des BIP. Der EU-Durchschnitt: 5,8%. Deutschland publiziert also deutlich weniger transparent als der Rest der EU (Quelle: EU Single Market Scoreboard 2024)
  • 19% finden zu spät — Fast jedes fünfte Unternehmen gibt an, Ausschreibungen häufig erst zu finden, wenn die Abgabefrist nicht mehr ausreicht (Quelle: KOINNO Vergabereport 2025)
  • 75% wollen eine zentrale Plattform — Drei Viertel der befragten Unternehmen würden häufiger an Ausschreibungen teilnehmen, wenn es eine zentrale Suchplattform gäbe (Quelle: KOINNO Vergabereport 2025)
  • +7,1% p.a. — Die Zahl der auf TED veröffentlichten deutschen Bekanntmachungen wächst seit 2020 mit durchschnittlich 7,1% pro Jahr (Quelle: Eigene Auswertung der TED-Statistikdateien 2020–2024)

Der Markt in Zahlen: Warum es zwei "richtige" Marktgrößen gibt

Wer "Wie groß ist der deutsche Vergabemarkt?" googelt, findet widersprüchliche Zahlen. Das liegt nicht an schlechter Recherche, sondern an unterschiedlichen Definitionen.

Perspektive 1: OECD-Makrosicht — ca. €500 Mrd. Die OECD definiert öffentliche Beschaffung breit: Alles, was der Staat kauft — inklusive Investitionen, Sachleistungen, Gesundheitsversorgung. Nach dieser Definition liegt Deutschland bei rund 15% des BIP, also ca. €500 Milliarden jährlich. Diese Zahl ist korrekt, aber sie umfasst weit mehr als klassische Ausschreibungsverfahren.

Perspektive 2: Vergabestatistik — €135,2 Mrd. (2024) Die Vergabestatistik des Bundes erfasst konkret gemeldete, vergebene öffentliche Aufträge und Konzessionen. 2024 waren das 199.334 Vergaben mit einem Volumen von €135,2 Milliarden. Diese Zahl ist konservativer, aber präziser für den "adressierbaren Markt" von Ausschreibungssoftware.

Perspektive 3: TED-Sichtbarkeit — 1,8% des BIP Das EU Single Market Scoreboard misst, wie viel Prozent des BIP eines Landes als Vergabevolumen auf TED publiziert wird. Deutschland: 1,8%. Frankreich: 6,1%. EU-Durchschnitt: 5,8%. Deutschland ist hier deutlich intransparenter als der Rest der EU.

Was heißt das für Unternehmen? Es bedeutet, dass der größte Teil des Marktes nicht auf TED sichtbar ist. Wer nur TED durchsucht, sieht nur die Spitze des Eisbergs.

Vergabevolumen im Trend: Stetig wachsend

Die Vergabestatistik zeigt ein klares Wachstumsbild:

  • 2022: 188.916 Vergaben, €131,6 Mrd. Volumen (Quelle: Vergabestatistik 2022, BMWK)
  • 2023: 195.493 Vergaben, €123,5 Mrd. (Quelle: Rehm-Verlag / BMWE Vergabestatistik 2023)
  • 2024: 199.334 Vergaben, €135,2 Mrd. (Quelle: Destatis)

Die Anzahl der Vergaben steigt konsistent. Beim Volumen gibt es Schwankungen — 2023 war ein Rückgang, 2024 ein neues Hoch. Das liegt an der Losstruktur: Wenige sehr große Aufträge können das Gesamtvolumen stark beeinflussen.

Deutschland im EU-Vergleich: Schnell, aber intransparent

Das EU Single Market Scoreboard liefert aufschlussreiche Benchmarks (Daten: 2024):

KennzahlDeutschlandFrankreichNiederlandeEU-Durchschnitt
Publication Rate (% BIP)1,8%6,1%3,7%5,8%
Single Bidder (nur 1 Bieter)20%22%24%28%
Vergabe ohne Ausschreibung7%2%12%5%
Entscheidungsdauer47 Tage74 Tage61 Tage74 Tage

Quelle: EU Single Market Scoreboard, Country Data Germany/France/Netherlands 2024.

Interpretation: Deutschland entscheidet schneller als der EU-Durchschnitt (47 vs. 74 Tage) und hat mehr Wettbewerb (nur 20% Single Bidder vs. 28% EU-Ø). Aber: Deutschland publiziert deutlich weniger transparent auf TED. Das bedeutet: Wer die richtigen Kanäle kennt, findet gute Chancen mit echtem Wettbewerb und schnellen Entscheidungen. Wer nur TED kennt, sieht den Markt nicht.

TED-Bekanntmachungen: +7,1% Wachstum pro Jahr

Die Zahl der deutschen Bekanntmachungen auf TED steigt seit 2020 kontinuierlich:

JahrDeutschlandFrankreichNiederlande
2020123.48587.61016.446
2021133.03495.79018.089
2022140.35898.63418.536
2023153.809103.76219.332
2024162.49394.70421.347

Quelle: Eigene Auswertung der TED/SIMAP-Statistikdateien 2020–2024 (Land des Hauptbeschaffers).

Deutschland wächst mit ca. +7,1% CAGR — stärker als Frankreich und die Niederlande. Das ist ein klares Signal: Der Markt wird digitaler und sichtbarer. Aber die absolute TED-Sichtbarkeit (1,8% BIP) bleibt niedrig, weil der Großteil der Vergaben unter der EU-Schwelle liegt.


Die Fragmentierung: Warum Unternehmen Aufträge verpassen

Das Kernproblem: Tausende Quellen, keine Übersicht

Deutschland hat kein zentrales Vergabeportal. Stattdessen gibt es ein Mosaik aus:

  • Bundesebene: e-Vergabe des Bundes (evergabe-online.de)
  • Landesebene: Jedes Bundesland hat eigene Portale (Vergabe.NRW, Vergabeportal BW, Vergabemarktplatz RLP, etc.)
  • Kommunale Ebene: Tausende Kommunen nutzen verschiedene Plattformen
  • EU-Ebene: TED für Verfahren oberhalb der EU-Schwellenwerte
  • Kommerzielle Aggregatoren: DTAD, evergabe.de, Vergabe24, ibau und viele weitere

Die genaue Zahl der Portale variiert je nach Definition — Plattformanbieter berichten Abdeckungszahlen von 100+ (BidFix) bis 150+ (TenderFlow) bis hin zu "500+ versteckten Quellen" (vergabe.bot). Patterno selbst indexiert über 1.000 Portale und Quellen europaweit, mit einer Marktabdeckung von 99,5% in Deutschland (eigene Messung).

88% der Vergaben sind nicht auf TED

Die Vergabestatistik 2022 liefert die härteste Zahl zur Fragmentierung:

  • 11,7% der Vergaben lagen oberhalb der EU-Schwellenwerte (22.099 von 188.916) — und nur diese müssen auf TED publiziert werden
  • 88,3% der Vergaben lagen darunter (166.817 Vergaben) — und sind auf regionalen, nationalen oder kommunalen Kanälen verstreut

Beim Volumen ist das Bild umgekehrt: Die Oberschwelle repräsentiert 76% des Volumens (€100,3 Mrd.), die Unterschwelle 24% (€31,4 Mrd.). Aber nach Fallzahl — also der Menge an Chancen — passiert der Großteil unter dem Radar.

Quelle: Vergabestatistik 2022 (BMWK).

Das "19%-Problem": Zu spät gefunden

Das KOINNO (Kompetenzzentrum Innovative Beschaffung) hat in seinem Vergabereport 2025 Startups und KMU befragt. Das Ergebnis:

19% der Unternehmen geben an, öffentliche Ausschreibungen häufig erst dann zu finden, wenn die Abgabefrist nicht mehr ausreicht.

Das ist kein Nischenproblem. Fast jedes fünfte Unternehmen verliert systematisch Chancen — nicht weil das Angebot schlecht wäre, sondern weil die Ausschreibung zu spät entdeckt wurde.

Die Gründe laut KOINNO:

  1. Schwierigkeit, die richtigen Ausschreibungen überhaupt zu identifizieren
  2. Bürokratie und Komplexität der Vergabeunterlagen
  3. Wahrgenommen geringe Chancen gegenüber großen Unternehmen
  4. Unterbesetzung und fehlendes Vergabe-Know-how

Und ein besonders starkes Signal: 75% der befragten Unternehmen würden häufiger an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen, wenn es eine zentrale Suchplattform gäbe (51% "voll und ganz", 24% "eher"). Die Fragmentierung bremst also nicht nur die Effizienz — sie bremst die Teilnahme insgesamt.

Quelle: KOINNO Vergabereport Startups & KMU 2025.


Branchenanalyse: Wer schreibt was aus?

Bauarbeiten dominieren — mit Abstand

Die Vergabestatistik 2022 schlüsselt Vergaben nach CPV-Codes (Common Procurement Vocabulary) auf. Bei 188.916 Vergaben wurden insgesamt 230.651 CPV-Codes angegeben (Mehrfachnennungen möglich). 5.392 der 9.454 verfügbaren CPV-Codes wurden tatsächlich genutzt.

Die Top-10 CPV-Abteilungen nach Nennungshäufigkeit:

RangCPV-BereichBeschreibungNennungen
145Bauarbeiten103.011
271Architektur, Ingenieurdienstleistungen22.014
334Transportmittel & Verkehrserzeugnisse8.453
490Abwasser, Abfall, Reinigung, Umwelt8.084
579Unternehmensdienstleistungen (Recht, Marketing, Consulting)7.343
638Laborgeräte, optische & Präzisionsgeräte6.882
772IT-Dienste (Beratung, Software, Support)6.557
848Softwarepakete & Informationssysteme5.906
944Baukonstruktionen & Baustoffe5.787
1039Möbel, Haushaltsgeräte, Reinigungsmittel5.436

Quelle: Vergabestatistik 2022 (BMWK), CPV-Auswertung.

Die zentrale Erkenntnis: CPV 45 (Bauarbeiten) dominiert die Vergabestatistik mit 103.011 Nennungen — das ist fünfmal so viel wie Platz 2. Bau ist und bleibt das volumenstärkste Segment im öffentlichen Vergabemarkt.

Aber: IT (CPV 72 + 48 zusammen: 12.463 Nennungen) und Consulting (CPV 79: 7.343) sind substanzielle Märkte, die in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt werden.

Durchschnittliche Auftragswerte: Große Bandbreite

Aus der Vergabestatistik 2022 lässt sich ein Proxy berechnen:

  • Oberschwelle (EU-weit ausgeschrieben): Ø ca. €4,54 Mio. pro Vergabe
  • Unterschwelle (national/regional): Ø ca. €188.000 pro Vergabe

Quelle: Eigene Berechnung aus Vergabestatistik 2022 (Volumen / Anzahl je Schwellenbereich).

Das bedeutet: Die durchschnittliche Ausschreibung unter der EU-Schwelle hat immer noch einen Wert von fast €200.000. Selbst "kleine" Vergaben sind für KMU relevant.


Regionale Verteilung: NRW, Bayern und Hessen dominieren

Auftragsvolumen nach Bundesland (2022)

Landesebene:

BundeslandVolumen (Mio. €)Anteil
Nordrhein-Westfalen5.354,717,1%
Bayern4.725,715,1%
Berlin3.706,211,8%
Baden-Württemberg2.927,19,4%
Niedersachsen2.391,07,6%
Hessen2.138,76,8%

Kommunalebene:

BundeslandVolumen (Mio. €)Anteil
Nordrhein-Westfalen7.906,022,8%
Bayern6.408,318,5%
Hessen5.074,014,6%
Baden-Württemberg4.188,512,1%
Niedersachsen2.895,28,3%

Quelle: Vergabestatistik 2022 (BMWK), Tabellen Landes- und Kommunalebene.

NRW, Bayern und Hessen stellen zusammen rund 56% des kommunalen Auftragsvolumens. Wer in diesen drei Bundesländern nicht sucht, verpasst die Hälfte des Marktes.


KI-Transformation: Von Keyword-Suche zu intelligenter Qualifizierung

Das Problem mit der Schlagwortsuche

Traditionell basiert die Ausschreibungssuche auf Keywords: Ein Unternehmen gibt Suchbegriffe ein und erhält alle Ausschreibungen, die diese Begriffe enthalten. Das hat zwei fundamentale Schwächen:

  1. Zu viele irrelevante Treffer: "Notebooks" findet auch Ausschreibungen für "Notebook-Zubehör", "Notebook-Reparatur" oder "Notebook" im Kontext von Bürobedarf — obwohl das Unternehmen Server verkauft.
  2. Relevante Aufträge werden übersehen: Wer nach "Notebooks" sucht, verpasst Ausschreibungen für "mobile Endgeräte", "Laptops" oder "100 Arbeitsplatzrechner für die Stadtverwaltung".

KOINNO bestätigt dieses Problem direkt. In der Auswertung der Unternehmensbefragung wird explizit die Forderung nach "treffsicherer Schlagwortsuche, idealerweise mit semantischer Suche" dokumentiert (Quelle: KOINNO Vergabereport 2024, Teil 4).

Die drei Stufen der Suchtechnologie

Stufe 1: Schlagwortsuche (Keyword Matching) Findet exakte Übereinstimmungen. Schnell und einfach, aber mit hoher Fehlerquote in beide Richtungen (zu viele Fehlalarme, zu viele übersehene Aufträge). Wird von traditionellen Portalen wie Vergabe24 und evergabe.de eingesetzt.

Stufe 2: Semantische Suche (Vektorähnlichkeit) Versteht Synonyme und Kontext durch mathematische Ähnlichkeitsberechnung (Embeddings). Deutlich besser als Schlagwortsuche, aber mit einer bekannten Schwäche: Sie bewertet Ähnlichkeit, nicht Relevanz. Eine Ausschreibung kann semantisch ähnlich zu einem Suchprofil sein, ohne tatsächlich relevant zu sein — und umgekehrt. Wird von den meisten KI-Startups der ersten Generation eingesetzt (Vergabepilot, BidFix, Bidpoint, Tendify, Scelion).

Stufe 3: Qualifizierte KI-Suche (individuelles AI Assessment) Geht über Ähnlichkeit hinaus: Jede einzelne Ausschreibung wird individuell von einer KI inhaltlich gegen das Unternehmensprofil bewertet. Die KI liest die Ausschreibung, versteht den Kontext, prüft die Passung zum Profil und gibt eine begründete Einschätzung. Dieser Ansatz ist deutlich rechenintensiver als semantische Suche, liefert aber wesentlich weniger Fehlalarme und findet Aufträge, die auf Vektorebene nicht als ähnlich erkannt worden wären. Wird von Patterno eingesetzt — mit einem lernenden Algorithmus, der aus Nutzerverhalten die Trefferqualität kontinuierlich verbessert.

Die KI-Tool-Landschaft 2026

Der Markt für KI-gestützte Ausschreibungssoftware in Deutschland wächst schnell. Die Anbieter lassen sich in drei Kategorien einteilen:

Discovery & Matching (Ausschreibungen finden):

  • DTAD — Marktführer seit 25 Jahren, 12.000+ Quellen, KI-Assistent "Frank" (dtad.com)
  • Vergabepilot — KI-Suchmaschine, 300+ Portale, semantische Suche, ab 39 €/Monat (vergabepilot.ai)
  • Patterno — 1.000+ Portale EU-weit, qualifizierte KI-Suche, voller Lebenszyklus (patterno.de)
  • Bidpoint — Semantische Suche über 2.000+ Quellen inkl. Dokumentenanhänge (bidpoint.ai)
  • Tendify — Pan-europäisches Matching, 13+ EU-Länder (tendify.eu)

Analyse & Angebotsunterstützung (Ausschreibungen gewinnen):

  • BidFix — Full-Lifecycle von Suche bis Angebotserstellung, 100+ Portale DACH (bidfix.ai)
  • BlackSwanAI — Reine Dokumentenanalyse, 5-Linsen-Methodik, Pay-per-Use (blackswanai.de)
  • TenderFlow — KI-Bewertung nach Gewinnwahrscheinlichkeit, IT-Fokus (tenderflow.ai)
  • Scalera — Produkt-Matching für Bauzulieferer (scalera.ai)

Etablierte Plattformen (mit KI-Ergänzungen):

  • evergabe.de — Dual-Plattform (Veröffentlichung + Suche), 250.000 Aufträge/Jahr
  • ibau — Bau-Spezialist seit 1957, 145 Rechercheure + KI
  • Vergabe24 — Staatsanzeiger-Netzwerk, günstigster Einstieg ab 20 €/Monat

Regulierung treibt die Digitalisierung

Auf EU-Ebene ist das eForms-Format als Standard für Bekanntmachungen eingeführt worden. TED/SIMAP beschreibt eForms als aktuellen Datenstandard, der perspektivisch die Datenqualität und maschinelle Verarbeitbarkeit verbessert (Quelle: TED/SIMAP). Parallel entsteht der Public Procurement Data Space (PPDS) auf EU-Ebene zur besseren Datennutzung (Quelle: ppds.europa.eu).

In Deutschland regelt die Vergabestatistikverordnung (VergStatVO) die Meldepflichten. Die Vergabestatistik erfasst derzeit öffentliche Aufträge ab €25.000 (netto); kleinere Aufträge werden teilweise freiwillig gemeldet. Perspektivisch werden wachsende Meldewege und eForms-Integration die Datenvollständigkeit verbessern — und damit auch die Grundlage für KI-gestützte Tools.


Benchmarks: Was Ausschreibungsteilnahme wirklich kostet

Suchaufwand: 20% suchen täglich

KOINNO hat den Zeitaufwand für die Ausschreibungsrecherche quantifiziert:

  • 20% der Unternehmen recherchieren täglich nach Ausschreibungen
  • 22% recherchieren wöchentlich
  • Die Zeitbänder reichen von "unter 2 Stunden" bis "über 40 Stunden" pro Recherchezyklus

Quelle: KOINNO Vergabereport Startups & KMU 2025.

Angebotsaufwand: 32% brauchen 16–30 Stunden pro Bewerbung

Der Aufwand pro Angebot (inklusive Eignungsnachweise, Angebotsunterlagen, ggf. Verhandlungsrunden):

  • 32% der Unternehmen schätzen 16–30 Stunden pro Bewerbung
  • 9% nennen über 50 Stunden pro Bewerbung
  • 80% empfinden den Aufwand für öffentliche Aufträge als höher als für privatwirtschaftliche Kunden

Quelle: KOINNO Vergabereport Startups & KMU 2025.

Fristen: 35 Tage Mindestfrist — aber oft zu wenig in der Praxis

Für EU-weite Verfahren (offenes Verfahren) gilt eine Mindestfrist von 35 Tagen ab Absendung der Bekanntmachung (EU-Richtlinie 2014/24/EU, §15 VgV). Mit elektronischen Mitteln kann diese verkürzt werden.

In der Praxis reichen die rechtlichen Fristen theoretisch aus — aber der KOINNO-Befund (19% finden zu spät) zeigt, dass die effektive Frist für viele Unternehmen kürzer ist, weil die Bekanntmachung erst Tage oder Wochen nach Veröffentlichung entdeckt wird. Fragmentierte Portale + manuelle Suche = strukturelles Zeitproblem.


Trends & Ausblick 2026–2030

Trend 1: Mehr Standardisierung, nicht weniger Portale

eForms und PPDS sprechen für eine Zukunft mit strukturierteren Daten. Aber die organisatorische Vielfalt der Portale wird kurzfristig bestehen bleiben — politisch gibt es keinen Impuls für ein zentrales deutsches Vergabeportal. Aggregations-Tools bleiben damit notwendig.

Trend 2: KI verlagert den Wettbewerbsvorteil

Die Wertschöpfung verschiebt sich von "Ausschreibungen finden" zu "Ausschreibungen verstehen und gewinnen." Reine Such-Tools werden zur Commodity. Der Wettbewerbsvorteil liegt in:

  • Intelligenterer Qualifizierung (Welche Ausschreibung passt wirklich?)
  • Automatisierter Dokumentenanalyse (100+ Seiten in Sekunden statt Stunden)
  • KI-gestützter Angebotserstellung (Konsistente, schnelle Angebotsproduktion)
  • Lernenden Algorithmen (Die KI wird mit jedem Nutzer besser)

Trend 3: Marktbereinigung bei KI-Tools

Die Schließung von Tendery.ai (April 2026) ist ein Frühindikator. Der Markt hat sich 2024–2025 schnell gefüllt, aber nicht alle Anbieter werden überleben. Qualitätsindikatoren für nachhaltige Plattformen: Portalabdeckung, Datenqualität, echte KI-Tiefe (nicht nur "AI-Washing"), und zahlende Kunden.

Trend 4: EU-weite Transparenz wächst

Die Publication Rate Deutschlands (1,8% BIP) wird unter politischem Druck steigen. Der Europäische Rechnungshof hat 2023 explizit Defizite bei Wettbewerb und Datennutzung im EU-Beschaffungsrahmen kritisiert (Quelle: ECA Sonderbericht 28/2023). Mehr Transparenz bedeutet: mehr indexierbare Daten, bessere KI-Modelle, mehr Wettbewerb um die beste Plattform.


Fazit

Der deutsche Vergabemarkt 2026 ist riesig (€135+ Mrd. gemeldet, €500 Mrd. OECD-breit), wächst (+7,1% p.a. auf TED), und ist systematisch fragmentiert (88% unter EU-Schwelle, 1.000+ Portale). Unternehmen verlieren messbar Chancen: 19% finden zu spät, 75% wünschen sich eine zentrale Plattform.

Die KI-Transformation adressiert genau dieses Problem — von einfacher Schlagwortsuche über semantische Suche bis hin zu qualifizierter KI-Suche mit lernenden Algorithmen. Der Markt für KI-gestützte Ausschreibungstools wächst schnell, bereinigt sich aber bereits.

Für Unternehmen, die am öffentlichen Vergabemarkt teilnehmen, ist die Frage nicht mehr ob sie ein KI-Tool nutzen sollten — sondern welches.


Quellen

Vergabestatistik / Destatis / BMWK

  • Vergabestatistik 2022 (BMWK) — forum-vergabe.de
  • Vergabestatistik 2024 Headline (Destatis) — destatis.de
  • Vergabestatistik 2023 (Rehm-Verlag/BMWE) — rehm-verlag.de

EU / TED / Scoreboard

  • EU Single Market Scoreboard — Country Data Germany, France, Netherlands (2024)
  • TED/SIMAP Statistiken 2017–2024 — ted.europa.eu
  • Public Procurement Data Space (PPDS) — public-procurement-data-space.europa.eu
  • ECA Sonderbericht 28/2023 — eca.europa.eu

KOINNO (Unternehmens-Benchmarks)

  • KOINNO Vergabereport Startups & KMU 2025 — koinno.de
  • KOINNO Vergabereport Teil 4 + 5 (2024) — koinno.de

Recht / Fristen

  • EU-Richtlinie 2014/24/EU — eur-lex.europa.eu
  • VgV §15 Offenes Verfahren — gesetze-im-internet.de
  • Vergabestatistikverordnung (VergStatVO) — gesetze-im-internet.de

Häufig gestellte Fragen

Wie groß ist der deutsche Vergabemarkt?

Es gibt zwei korrekte Antworten: Nach OECD-Makrosicht ca. €500 Milliarden (15% des BIP, breite Beschaffungsdefinition). Nach Vergabestatistik €135,2 Milliarden (2024, konkret gemeldete vergebene Aufträge). Für den "adressierbaren Markt" von Ausschreibungssoftware ist die Vergabestatistik-Zahl die relevantere.

Warum finden Unternehmen Ausschreibungen zu spät?

Weil der Markt auf über 1.000 Portale fragmentiert ist und die meisten Unternehmen auf manuelle Schlagwortsuche setzen. Laut KOINNO geben 19% der Unternehmen an, Ausschreibungen häufig erst zu finden, wenn die Abgabefrist nicht mehr reicht.

Was ist der Unterschied zwischen Ober- und Unterschwelle?

Oberhalb der EU-Schwellenwerte müssen Aufträge EU-weit auf TED publiziert werden. Das betrifft nur 11,7% aller Vergaben (nach Fallzahl), repräsentiert aber 76% des Volumens. 88% der Vergaben passieren unter der Schwelle — regional, national, oft schwer auffindbar.

Welches Bundesland hat die meisten Ausschreibungen?

NRW führt bei Landes- und Kommunalebene (17% bzw. 23% des Volumens), gefolgt von Bayern und Hessen. Zusammen stellen diese drei Bundesländer rund 56% des kommunalen Auftragsvolumens.

Was kostet die Teilnahme an einer Ausschreibung?

Laut KOINNO schätzen 32% der Unternehmen den Aufwand auf 16–30 Stunden pro Bewerbung, 9% auf über 50 Stunden. 80% empfinden den Aufwand als höher als bei privatwirtschaftlichen Kunden.